Dienstag, 2. Juni 2009

Ein Fall für Chicago (1982)

Salve, Freunde!

Endlich wieder ein Fall für Chicago. Das wurde aber auch Zeit! Gerade sind die Coca-Cola Vorräte des Superdetektives Rick Norman, alias Chicago erschöpft, da bricht das neue Abenteuer auch schon über ihn herein und verwickelt unseren Helden in ein kompliziertes Komplott der übelsten Sorte. Zum Glück fehlen auch die gut gebauten Blondinen nicht, derer sich Chicago, wie üblich entledigt, bevor sie alles durcheinanderbringen und der Fall noch komplizierter werden könnte.

Sollte euch diese Story an die ``Super-Thriller'' Parodien des italienischen Romanautors Carlo Manzoni erinnert, der liegt übrigens goldrichtig. Sein Bourbon-schlabbernder Superdetektiv Chico Pipa, (sowie eine gute Flasche Irish Whiskey) standen Pate bei der Erfindung unseres Helden.

Jetzt aber viel Spaß beim Lesen!

Vorwort vom 27. Juni 1997

...für H&M

Ein Fall für Chicago

`Der ist aber tot! Mausetot, sogar', denke ich, als mir Leutnant Fröhlich die Bilder des Kadavers in die Hände drückt. 'Doch es ist ein typischer Toter', ärgere ich mich, denn ich mag diese gewöhnlichen Fälle nicht, die sich alle Nase lang ereignen. Ich entschließe mich also den Fall wieder abzugeben, da kommen mir die Worte meiner Vermieterin in Erinnerung.

`Ihr Heiligen!' Ich werde mich wohl oder übel mit der Lapalie herumärgern müssen. Außerdem habe ich mir von der Anzahlung schon einen kleinen Cola-Vorrat angelegt, so daß der Zaster bereits zum Teufel ist. Sei's drum!

Ich fahre fort, die faltige Visage des Kadavers zu studieren, dessen Mund unverschämt weit offen steht. Weiße Reihen blitzender Jacketkronen, eine hübscher als die andere, fallen mir sofort auf und werden irgendwo in meinen grauen Zellen vermerkt.

`Ich wußte gar nicht, daß man als Kadaverbeseitiger so gut verdient!?' fällt es mir ein. Doch der schlaksig-lange, rothaarige Typ auf dem Bild in meiner Hand ist (besser: war) selbiges von Beruf. Sein Hals wirkt trotz der überwältigenden Körperlänge gestreckt, was daran liegen muß, daß man ihn an einem Strick hängend gefunden hat.

Ich lege die Bilder auf den Schreibtisch und nehme mir noch einmal die beiden Zeugenberichte vor. Fröhlich steht neben dem Schreibtisch und sieht mir zerknirscht bei meinem Studium zu. Dabei faltet er das Papier, welches mir offiziell ermöglicht Einblick in die Akten des Morddezernats zu erlangen, geräuschlos immer kleiner zusammen.

Wenn er es so klein hat, daß es nicht mehr zu sehen ist, wird er mich aller Wahrscheinlichkeit nach 'rausschmeißen, doch ich habe nicht vor, so lange zu warten.

Die Berichte sind vollkommen unterschiedlicher Natur. Beide Zeugen, ein älteres Ehepaar, sagen teilweise gegensätzliches aus, vor allem, was die Silhouette des flüchtenden Täters angeht. (Einigkeit herrscht in den Aussagen eigentlich nur darin, daß beide einen Sarg für ihre verstorbene Großmutter kaufen wollten.)

Während die Frau beschwört, daß der flüchtende Täter mindestens 2 Meter groß, kleiderschrankartig gebaut und mit glattem Haar versehen war, besteht der männlche Part des Duos darauf, daß der Gewalttäter ein Gnom von höchstens ``eineinhalb Metern'' mit einem Buckel und Schuhgröße 53 gewesen war.

Die eingeleitete Fahndung Fröhlichs Plattfüßer nach einem eineinhalb bis zwei Meter messendem Gnom-Riesen mit glattem Haar und Schuhgröße 53 war ergebnislos verlaufen. Da andere Ermittlungen ebenfalls scheiterten, wurde der Fall ad acta gelegt.

Warum ich mich dann dafür interessiere? Ganz einfach! Spulen wir den Film genau einen Tag zurück...


Ich saß also gestern in meinem Büro und hatte es mir gemütlich gemacht. Die Beine lagen überkreuz auf der Schreibtischplatte vor mir, ich manikürte die Fingernägel mit einem spitzen Bleistift und wartete. Wartete auf eine Erleuchtung oder einen Klienten. Denn vor knapp einer halben Stunde hatte mir die Vermieterin meines Büroraums angedeutet, daß ich mich schon mal nach etwas geeignetem umsehen müßte, sollte ich nicht innerhalb einer Woche die Miete, die ich ihr noch schuldete, aufgetrieben haben.

Ich hatte ihr mein freundlichstes Lächeln geschenkt, doch diese Art von Bezahlung schien dem alten Drachen gar nicht zu gefallen. Also verschwand ich in (noch) meinen vier Wänden und knallte die Tür hinter mir zu. Es war genau dieselbe Tür, auf die in Goldbuchstaben

Privatdetektei
R i c k N o r m a n

gemalt war, und die jetzt aufgerissen wurde...

Ein verdammt hübscher, blonder Wuschelkopf, anfang zwanzig stürmte herein, rutschte schluchzend in den Sessel mir gegenüber und warf mir dabei ein Bündel 100 Dollar-Scheine zu, das ich gekonnt auffing.

Das war die Art von Kundschaft, auf die ich gewartet hatte! Ich prüfte kurz die Echtheit der Scheinchen. Dann erhob ich mich, setzte mein Sonntagsgesicht auf, schloß die Tür, welche die Hereinstürmende offen gelassen hatte, legte die Hände auf ihre zuckenden Schultern und sprach beruhigend auf meine Retterin ein.

``Aber, aber, was haben wir denn?'' versuchte ich es. Das Schluchzen wurde lauter.

``Ein so hübsches Mädchen wie Sie, darf sich doch nicht so gehen lassen. Das ist ja wirklich zum Heulen!'' Das Schluchzen wurde noch lauter.

``Verdammt noch mal, hören Sie endlich auf mein Büro zu überfluten!'' fuhr ich sie also an und fügte hinzu: ``Ich kann nämlich nicht schwimmen!'' Das wirkte. Sie pfiff ihre Tränendrüsen zurück und blickte auf.

`Ihr Heiligen!'

Schulterlanges blond-gelocktes Haar, umrahmte ihr mädchenhaftes Gesicht, dessen volle rote Lippen mich magisch anzogen. Ihre geheimnisvollen grünen Augen blitzten.

Nie werde ich diesen tot-traurigen Blick vergessen, den Sie mir schenkte. Ich mußte mich ehrlich gesagt fest zusammenreißen, um nicht wegen der personifizierten Versuchung, dort vor mir, aus den Latschen zu kippen. Mein Herz setzte jedefalls für ein oder zwei Minuten aus und legte dann einen Doppelschlag zu, um den Rückstand wieder einzuholen. Galant reichte ich ihr mein Taschentuch, damit sie ihre Tränen trocknen konnte.

``Danke!'' hauchte sie.

Mein Herz setzte erneut aus...

Nachdem wir so wohl eine Viertelstunde lang, Auge in Auge gestanden bzw. gesessen hatten (ich konnte natürlich verstehen, daß ein, so gut aussehender Typ wie ich, sie interessieren mußte), kam sie endlich zum Thema.

``Sie sind Rick Norman, nehme ich an?''

``In der Tat, mein Fräulein.'' erwiderte ich in bester Laune. Aber Sie dürfen mich ruhig ``Chicago'' nennen, wie alle meine Freunde.

``Also gut, Chicago. Wenn Sie dafür ``Helen'' zu mir sagen.''

``Okay, Helen. Nachdem wir nun die Formalitäten erledigt haben. Wohin gehen wir heute abend zum Essen?''

``Einen Moment bitte, Mr. Chicago!'' durchkreuzt sie eiskalt meine abendlichen Pläne.``Ich will sie als Privatdetektiv engagieren, nicht als Liebhaber, davon habe ich nämlich zur Zeit die Nase voll.''

``So, so.'' Meine Stimme klang dienstlich. Ich setzte mich wieder in meinen Sessel und sagte: ``Na, dann. Schießen Sie los!''

Was kam, war eine herzzerreißende Story, die jeden Hollywoodregisseur glatt vom Hocker gehauen hätte. Ihr voller Name lautete Helen York. Sie war als Waise aufgewachsen und hatte nach ihrer Entlassung aus dem Waisenhaus einen Job als Stenotypistin angenommen. Als sich dann ihr Chef an sie heranmachte, hatte sie nicht die Kraft gehabt ``nein'' zu sagen. Sie heiratete, doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Kein halbes Jahr später starb ihr Mann an einem Unfall. Danach lernte sie einen gutsituierten Beerdigungsunternehmer kennen und lieben. Dank seines Geldes ermöglichte er ihr, sich ihren schönsten Traum zu erfüllen, nämlich die Schauspielschule in New York zu besuchen.

Nun hatte sie dort vor wenigen Tagen erst, ein Brief erreicht, den die Post irgendwie verschlammpt haben mußte, denn er war bereits über einen Monat alt. Ihr wurde mitgeteilt, sie solle möglichst schnell nach Hause kommen, ihr Geliebter sei in seinen Geschäftsräumen ermordet aufgefunden worden. Hals über Kopf, hatte sie das nächste Flugzeug bestiegen und war hierher nach Chicago gekommen. Der Anwalt Yorks sprach ihr sein Beileid aus und übergab ihr das testamentarische Erbe, immerhin eine 6 stellige Summe.

Dann besuchte sie die Polizei, doch alles, was sie in Erfahrung brachte war, daß der Fall als ungeklärt ad acta gelegt wurde, nachdem die Ermittlungen im Sand verlaufen waren. Also hatte sie sich auf die Suche nach einem Privatdetektiv gemacht und mich gefunden. Das war alles.

``Sie haben keinen Verdacht, wer ihrem Freund ans Leder wollte, oder?'' fragte ich in gleichgültigem Ton nach, als sie geendet hatte.

``Nun, ich weiß natürlich nichts genaues. Um die geschäftlichen Dinge habe ich mich nie gekümmert. Aber einmal hörte Alfred sagen, daß ihm Thomas Wesson, seine Konkurrenz in der 48ten Straße, ganz schön auf den Füßen stehen würde. Doch was das im einzelnen bedeutet...''

Sie ließ den Satz offen.

``Das ist zwar nicht viel, aber immerhin schon ein Ansatzpunkt.'' erklärte ich unverbindlich. Die Schlappe von vorhin, wollte mir immer noch nicht so richtig in den Kopf.

``Sonst keine Verdächtigen?''

``Nein, ich glaube nicht.''

``Okay, Mrs. Helen. Ich werde mich um die Angelegenheit kümmern.''

``Und was die Bezahlung angeht...''

``Ist das hier mehr als genug!'' fiel ich ihr ins Wort und entlasse sie mit einem ``Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an.''

Als die Tür hinter ihr ins Schloß fiel, ging ich zum Bücherregal und griff hinter die Shakespeare Attrappen, die meinem Büro einen seriösen Touch verleihen. Meine letzte Cola-Dose kam zum Vorschein. Ich riß sie auf, trank, damit meine Denkprozesse in Schwung kamen und warf die leere Dose in den Abfalleimer. Dann verließ ich das Haus, um meinen neuen Fall zu feiern. Endlich wieder ein Fall für Chicago!


Ich lege die Akten zurück und erhebe mich. Mit einem Satz ist Fröhlich bei mir, legt die Hand auf meine Schulter und schiebt mich mit seinem freundlichsten Lächeln durch die Tür.

``Tschüss, Chicago'', sagt er dabei.

``Biszum nächsten Mal, Frohlic!'' grinse ich ihn an und mache mich aus dem Staub. Sein Fußtritt verfehlt mich nur knapp.

Draußen, vor dem Polizeigebäude, weht ein warmer Wind die Straße herunter. Das Wetter ist herrlich, sonnig. Die Eisverkäufer haben Hochkonjunktur, während der Absatz in den Hamburgerschuppen stagniert. Ich beschließe, den Weg bis zur 48ten Straße zu Fuß zurückzulegen und marschiere los.

Ein grauer Buick hält neben mir am Straßenrand. Eine böse Vorahnung überkommt mich, doch zu spät. Die Hintertür öffnet sich, zwei affenartig behaarte Hände greifen nach mir, bekommen meine Jacke zu fassen und zerren mich in den Wagen. Dort stößt mein Kopf mit einem Sandsack zusammen, so daß plötzlich bunte Lichter vor meinen Augen tanzen. Dann schaltet jemand den Strom ab. Dennoch habe ich die Visage des Schlägers unauslöschlich in meinen grauen Zellen gespeichert. Er wird es bitter bereuen!


Ein lautes Brummen weckt mich. Ich blicke auf, und versuche mir an den Kopf zu fassen, doch ich bin gelähmt. Meine Augen haben sich erst jetzt an das Dämmerlicht, das mich einhüllt gewöhnt. Ich sitze in einem kleinen, quadratischen Raum ohne Fenster und Einrichtung. Ein paar blasse Stellen auf der Tapete zeigen, daß hier früher einmal Bilder hingen, heute hängen nur noch Spinnweben von der Decke herab.

Ich selbst sitze auf einem Stuhl, von oben bis unten gefesselt, kitschfilmmäßig. Das Brummen ist immer noch da, erst jetzt merke ich, daß es mein Kopf ist, der das Geräusch fabriziert.

Ich mache ``Psst!'' und er verstummt. Eine Etage über mir geht eine Klospülung. Sie macht jedoch so einen Krach, daß man sie ohne weiteres mit einem zu tief fliegendem Flugzeug verwechseln kann. Ich versuche also mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, damit mein Kopf nicht auseinanderfällt.

Mein Blick ruht auf dem Knoten, welcher das Seil, das mich so fesselt, zusammenhält. Irgendwo in meinem Gehirnkasten macht es Klick! Meine grauen Zellen zählen an ihren zehn Fingern ab und kommen zu dem Ergebnis, daß ich diese Art von Knoten bereits kenne. derselbe befand sich nämlich an dem Seil, an dem die Plattfüßer den Kadaverbeseitiger aufgefunden hatten. Mir scheint, ich bin auf der richtigen Spur!

Vor der einzigen Tür des Raumes, mir direkt gegenüber, höre ich tappende Schritte. Der dazugehörige Typ steckt einen Schlüssel in das altmodisch verziehrte Schloß und schließt auf. Die Tür öffnet sich und Sandsack tritt ein. Ich erkenne ihn sofort wieder. Diese Visage mit der windschiefen Nase (anscheined mehrmals gebrochen), den riesigen Segelohren, den Affenpranken und der Schlägermütze auf dem haarigen Schädel, ist unverwechselbar.

``Hallo, Kleiner'', sagt er. Dabei grinst er mich zurückgeblieben an.

``Nett Dich zu sehen, Sandy'', erwiedere ich. ``Könntest du mir nicht eben die Fesseln abnehmen und dich ergeben? Du würdest mir eine ganze Menge Arbeit ersparen und ich wäre bereit, die Sache mit dem Sandsack zu vergessen.''

Sein Grinsen wird breiter.

``Kleiner, du gefällst mir. Aber wenn du mich für dumm verkaufen willst, mußt du schon früher aufstehen. Ich bin nämlich nicht blöd!''

``Wer sagt denn, daß du blöd bist, Sandy? Im Gegenteil, ich finde, wenn du meinen Vorschlag akzeptierst, bist du sogar ausgesprochen schlau!''

``Nichts zu machen, Kleiner. Wenn ich mich gegen den Chef stelle, macht's irgendwann mal Bumm!, und ich liege mit einem Loch im Bauch in der Gosse. Nein, Danke.''

``Aber, wer wird denn so pessimistisch sein...'', beginne ich, doch es hat keinen Zweck. Sandsack zieht eine 7.45er und entsichert sie. Dann bindet er mich los, wobei er keinerlei Schwierigkeiten hat, den Knoten, der meine Hände zusammenhält aufzubekommen. Er dürfte mich also verpackt haben, womit der erste Tatverdächtige bereits aufgestöbert wäre.

``Hände über den Kopf und vorwärts!'' befiehlt er. Ich füge mich und marschiere durch die Tür. Es geht einen schmalen, dunklen Korridor entlang, dann nach links, wieder in einen Korridor, dann rechts, eine Treppe hoch, nochmal rechts... Nach weiteren Treppen, Korridoren und Abzweigungen stehen wir endlich vor einer Tür.

``Aufmachen!'' kommt es von Sandsack. Ich öffne also und trete in den dahinterliegenden Raum. Dieser ist hell erleuchtet. Es handelt sich um ein Wohnzimmer mit anschließender Bar. Das ganze ist rechts gemütlich und teuer eingerichtet, also lasse ich mich in einen der riesigen Lederarmsessel fallen.

Der Typ an der Bar scheint mein Eintreten nicht wahrgenommen zu haben.

``Der Besucher, Chef'', sagt Sandy und schließt die Tür von außen.

``Gin Tonic, Scotch, Whisky?'' kommt es hinter dem Tresen hervor.

``Danke.'' gebe ich zurück. ``Cola pur, wenn sie haben.'' Einen Moment sieht er mich erstaunt an. Sein Gesicht erscheint zeitlos. Das pomadige Haar trägt er glatt zurückgekämmt. Sein schwarzer Nadelstreifenanzug sitzt tadellos. Nur seine hellblauen Augen, fallen irgendwie aus dem Rahmen.

Er greift unter die Theke und endlich bekomme ich etwas zu trinken.

``Darf ich fragen, wem ich die Ehre meines Hierseins zu verdanken habe und ob Sie ihre Partygäste immer mit dem Sandsack von der Straße auflesen?''

``Sie dürfen'', sagt Glitzerfratze und setzt sich mir gegenüber. ``Mein Name ist Thomas Wesson.''

`Aha!' denke ich bei mir.

``Natürlich weiß ich, daß Mrs. York gestern bei Ihnen war Ihnen den Auftrag gab, etwas über den Tod ihres Mannes, Alfred York, herauszufinden. Schade ist nur, daß Sie sich auf den Fall eingelassen haben, denn diejenigen, die hinter dem Mord stehen, werden Sie nie erwischen können.''

Er zögert kurz.

``Es war das Syndikat!''

`Verdammt!' durchzuckt es mich. 'Auf was für ein Wespennest bist du denn hier gestoßen?'

Aber ich wäre nicht Chicago, wenn mich diese neue Perspektive abschrecken würde.

``Sie glauben also, daß die Mafia hinter dem Mord steckt?'' frage ich. ``Haben Sie irgendwelche Beweise für Ihre Behauptung?''

``Eigentlich keine Konkreten. Aber jeder weiß, daß der alte York nie Schutzgebühren bezahlt hat, womit er sich immer brüstete. Man kann daher vermuten, daß er ebenfalls zu den Mafiosis zählte, nicht zuletzt war er italienischer Abstammung. Dann ist es natürlich keine Schwierigkeit mehr zwei und zwei zusammenzuzählen und zu vermuten, daß der alte York bei einer Bandenfehde unter die Räder geriet. Denen ist doch ein Menschenleben ganau soviel wert.''

Glitzerfratze schnippt mit den Fingern.

``Das wäre natürlich eine Möglichkeit'', gebe ich zu.

``Was das ganze vielleicht noch erhärtet ist, daß die Geschäftsräume bisher noch nicht weitervermietet wurden und Sie wissen ja, hier auf der 48ten bleiben solche Räume, wegen der guten Lage, nie länger als ein paar Tage leerstehen.''

``Hat denn Mrs. York das ganze nicht geerbt? Das wäre doch eine mögliche Schlußfolgerung, da sie doch erst vor wenigen Tagen von dem Mord erfuhr.''

``Nein, Mr. Norman. Helen, ich meine natürlich Mrs. York, hat nur das Privathaus, sowie sein gesamtes Vermögen geerbt. Der Anwalt des alten York, gibt eine gewisse ``Experimental Corp.'' als Besitzer des Geschäftshauses an. Wenn sie im Telefonbuch nachschauen sollten, diese Firma existiert nicht!''

``Das wäre in der Tat ein Hinweis auf die Vergangenheit von Mr. York. Aber, gestatten Sie mir noch eine Frage. Wie kommt es, daß sie Mrs. York so gut kennen?''

``Nichts ist leichter als das zu klären!'' Sein Zahnpastalächeln ist werbespotreif.

``Helen und ich kennen uns schon eine ganze Weile. Ungefähr solange sie beim alten York ist. Wir hatten, sozusagen, ein Verhältnis miteinander.''

`Tatverdächtiger Nummer zwei', denke ich. 'Sogar mit Tatmotiv.'

``Woher wissen Sie aber, daß Mrs. York mich engagiert hat und wie ihr Erbe aussieht?''

``Sie hat es mir erzählt. Als sie gestern aus New York kam, fand sie zu Hause natürlich niemanden vor, also kam sie zu mir und weinte sich erst einmal richtig aus.''

`So, so.' denke ich. 'Die Rolle 'Entfesselte Tränendrüse' spielt sie also am liebsten.'

``Na, dann'', sage ich und erhebe mich. Da fällt mir noch etwas ein.

``Warum haben Sie eigentlich Ihren Gorilla losgeschickt, um mich hierherzuholen?''

``Ach, das'', sagt er und sieht mich entschuldigend an. `'Wirklich, ich habe ihm gesagt 'Hole Mr. Norman zu Hause ab und erkläre ihm alles!', aber er muß mich mißverstanden haben. Aber Sie wissen ja, das Personal heutzutage...''

Er erhebt sich ebenfalls und begleitet mich zur Tür.

``Sandy wird sie nach draußen bringen'', sagt er freundlichst und gibt mir einen Klaps auf die Schulter.

``Und vergessen Sie nicht, an dem Fall verbrennen Sie sich die Finger. Wirklich, ich meine es nur gut mit Ihnen. Noch etwas, ich, nun Mrs. York weiß nichts von den Verbindungen, die der alte York besaß. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn sie sie nicht darauf ansprechen würden.''

``Aber natürlich'', grinse ich ihn breit an. ``Bis zum nächsten Mal.''

``Guten Tag, Mr. Norman.''

Die Tür fällt hinter mir ins Schloß. Ich glaube plötzlich eine Frauenstimme aus dem Zimmer hinter mir dringen zu hören. Doch Sandy stolpert beim Gehen ständig über seine viel zu großen Füße und macht so einen Krach, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen kann. Das 'geht also auch so', das ich gehört zu haben glaube, würde jedenfalls ins Bild passen.


Draußen, auf der 48ten Straße, schlägt mir eine Welle von Verkehrslärm entgegen und bricht sich in meinen Ohren. Doch dieses Geräusch wird jedem, der hier in Chicago geboren ist, bereits mit in die Wiege gelegt, so daß er wohl ohne den Lärm einen Nervenzusammenbruch bekommen oder zumindest unter schweren Depressionen leiden würde.

Ich stecke jedenfalls die Hände in die Hosentaschen und marschiere schnurstracks zu den ehemaligen Geschäftsräumen des Kadaverbeseitigers Alfred York.

Vorübergehend verlangsamt sich jedoch meine Schrittfrequenz, denn eine ausnehmend hübsche, zweibeinige und dunkelhaarige Biene kommt mir entgegen. Ihre sonst schulterlangen Haare sind zum Pferdeschwanz hochgesteckt, eine Seite wird von einem Kämmchen gehalten. Meine Lieblingsfrisur! Die vollen Lippen, die einen faszinierenden Schmollmund abgeben, das 'nicht zu viel' vom Make up und der dezente Ausschnitt, vermengen sich mit ihren schwingenden Hüften zu einem aufreizenden Gesamtbild.

`Nichts für dich, mein Freund', reiße ich mich zusammen.

Dann ist sie auch schon an mir vorbeigerauscht, nur die Parfümwolke, die ihr wie ein kleines Hündchen folgt, hüllt mich noch ein, dann ist auch das vorüber. Meine Gedanken sind wieder auf ein anderes Ziel gerichtet.

Dort angekommen, spähe ich durch die großen Geschäftsfenster in deren Auslagen immer noch Kadaverkisten in Eiche, Mahagoni und Ahorn stehen und versuche einen Blick in die Geschäftsräume zu werfen. Was ich sehe gefällt mir gar nicht. Anscheined hat Glitzerfratze mit seiner Vermutung recht gehabt, denn es ist alles noch so, wie es im Polizeibericht gestanden hat. Der Laden scheint nur eben von seinem Besitzer verlassen worden zu sein, für die Dauer eine Hamburgers, oder eine dringende geschäftliche Sache an einem gewissen Örtchen...

Die Ladentür widersteht genau 2 Sekunden meinen Fähigkeiten mit der, leider überzogenen, Kreditkarte, dann bin ich auch schon dahinter verschwunden. Auf dem Schreibtisch im ersten Raum finde ich ein Schild mit der Aufschrift: GESCHLOSSEN, das ich an die Tür hänge, bevor ich mich den hinteren Räumen widme. Ich durchsuche das Büro, sowie die dahinterliegende Werkstatt, doch es ist nicht auffälliges zu entdecken. Frohlics Spurenverwischer haben gründliche Arbeit geleistet. Nun, ja.

Zuletzt betrete ich das Lager, wo die fertigen Kadaverkisten auf ihre Füllung warten. Fein säuberlich, nach den Holzarten sortiert steht hier eine Kiste auf der anderen bis zu einer Höhe von fast 2 Metern. Sicherungsstützen halten die Stapel aufrecht.

`Es ist zu dunkel', ärgere ich mich, 'um zu sehen, ob etwas dahinter ist.'

Ich mache mich also auf die Suche nach einem Schalter, da ertönt eine schneidende Stimme, welche mich zusammen mit einer Duftwolke erreicht, die mir nicht unbekannt erscheint.

``Keine falsche Bewegung, oder ich schieße!'' Gleichzeitig flammt die Lagerbeleuchtung auf und brennt sich hell in meine Netzhäute. Vorsichtig drehe ich mich herum, damit ich der Stimme ins Gesicht schauen kann.

Edelkatzenähnliche, unendlich tiefe, braune Augen fesseln mich. 'Ihr Heiligen!' Es ist die dunkelhaarige Biene, die vorhin noch an mir vorbeigesummt ist. Doch welche Verwandlung hat sie durchgemacht! Ihre Züge wirken gespannt, absolut unfraulich steht sie dort mit einer 45er Magnum in beiden Händen, die auf meinen Bauch gerichtet ist.

Ich hebe abwehrend die Hände und gehe langsam einen Schritt zurück.

``Einen Moment, meine Liebe'', sage ich. ``Weißt Du eigentlich wie leicht so ein Ding losgehen kann? Außerdem hast Du den Sicherungshebel ja gar nicht...'' versuche ich den alten Trick, doch sie zuckt noch nicht einmal mit der Wimper.

``Schön langsam umdrehen und nicht vergessen die Pfoten oben zu lassen!'' befiehlt sie. Ich erfülle ihren Wunsch, lasse mich dann aber nach links fallen und rolle mich ab. Leider gelingt mein Manöver, das mich in die Sicherheit eines Mahagoni-Sargstapels bringen sollte, nicht ganz. Ich bleibe mit einem Fuß hängen und reiße zwei der Stützen um, die die umliegenden Stapel aufrecht gehalten haben. Bisher. Jetzt krachen die ehemals oberen Kadaverkisten auf's Parkettt und lassen einen Höllenlärm los.

Angespannt liege ich da. Die Frage, ob die Edelkatze geschoßen hat oder nicht, beantwortet mein Ego damit, daß keine neue Öffnung in meinem Körper verzeichnet ist. Vorsichtig blicke ich auf und sehe, wie Kitty, mich gar nicht beachtend, dorthin starrt, wo eben noch die Sargstapel gestanden haben.

``Können wir jetzt endlich mit dem Wild-West aufhören, Kitty?'' lasse ich mich vernehmen. ``Ich bin Privatdetektiv Rick Norman, hier ist mein Ausweis.''

Der Lappen fliegt ihr vor die Füße. Sie hebt ihn auf. Ich erhebe mich ebenfalls, und klopfe den Staub von meiner Jacke.

``Okay, Mr. Norman. Wenn wir schon einmal dabei sind. Ich bin Maryett Laugham und arbeite für's FBI.''

Mir fallen beinahe die Ohren ab. Sie zeigt mir kurz ihre ID-Karte und gibt mir meinen Lappen zurück. Dann sagen wir unseren Spruch auf.

Ihre Agentur hatte ebenfalls einen heißen Tipp eines ihrer V-Männer bekommen, der sie direkt hierher zum alten York führte. Als sie mich sah, dachte sie natürlich, ich sei einer vom Syndikat, der noch vorhandene Spuren beseitigen wollte, also hatte sie kurz entschloßen gezogen.

``Macht nichts'', sage ich und gebe meiner Stimme einen beruhigenden Klang, ``zum Glück hast Du Deinen nervösen Zeigefinger heute zu Hause gelassen.''

``Wirklich zum Glück für Sie, Chicago! Aber genug palavert, schauen wir uns lieber den Raum an, den Sie durch Ihren Heldensturz sichtbar gemacht haben.''

``Heldensprung.'' verbessere ich sie gewissenpflichtig und helfe ihr, auch wenn sie abwehrend den Arm hebt, über die kreuz und quer liegenden Kadaverkisten hinweg. Das Schloß ist für meine Kreditkarte zu kompliziert, doch es dauert keine 10 Sekunden und Maryett bittet mich einzutreten.


Der Raum ist dunkel, weil fensterlos. Doch die Lagerbeleuchtung stellt einigermaßen zufriedenstellenden Lichtverhältnisse her. Die Einrichtung wirkt abstoßend: Zementsäcke, Zementschüsseln, Wasseranschluß, Stricke, sowie mehrere Kanister Benzin. Auf dem Boden liegt etwas. Ich hebe es auf. Es ist ein Bootsschein, ausgestellt für Alfred York, Eigner der 'Heavenqueen', ein schnittiges Motorboot, wie ein beigefügtes Bild zeigt.

``Das wäre dann wohl der letzte Beweis. York hat tatsächlich für das Syndikat gearbeitet. Ich möchte wirklich wissen, wieviele hier ein Paar Zementschuhe verpaßt bekommen haben. Dann ab, mit dem Motorboot auf den Michigansee, Passagiere aussteigen lassen, und wieder zurückfahren. Eine verdammte Schweinerei ist das!''

``Aber, aber, Kitty!'' sage ich, wobei ich mit den Fingern an der Wand entlang fahre. ``Wo gehobelt wird, fallen Späne!'' orakel ich geheimnisvoll und grinse.

``Wo gehobelt wird fallen Späne?'' wiederholt sie fragend meine Worte.

``Dasselbe erlaubte ich mir zu bemerken'', fahre ich geschwollen fort. Mir ist die Sache klar!

``Mit ein bißchen Anstrengung, Deines außergewöhnlich hübschen Denkkastens, würdest Du auf dieselbe Idee wie ich kommen. Aber..., nun, ja.''

``Gib nicht so an, Chicago! Du willst Dich doch nur aufspielen. Für mich ist der Fall klar. York war ein Mafiosi und ist anscheinend bei einer Bandenfehde unter die Räder gekommen.

`Diese Version kenne ich doch? Warum sind die Menschen nur so phantasielos?'

``Dieser Raum sollte erst einaml von der Spurensicherung unter die Lupe genommen werden, dann werden wir weitersehen.''

``Okay, Schatz'', gebe ich mich scheinbar geschlagen, und ernte einen bitterbösen Blick. ``Lasse aber vor allem den Bootsschein untersuchen. Ich befürchte zwar, daß Yorks Fingerabdrücke drauf sein werden, aber vielleicht solltest Du das Datum genauer untersuchen lassen.''

``Vielen Dank, für den Tipp, Du Angeber!'' sagt sie und verschwindet.

Ich fahre noch einmal mit dem Finger an der Wand entlang. Dann mache ich mich ebenfalls aus dem Staub.


Auf dem weg zu meinem Büro, bleibe ich noch schnell an einem der Hamburgerstände stehen, um die Konjunktur wiederzubeleben. Unterdessen sind meine grauen Zellen eifrig damit beschäftigt, die verbleibenden Rätsel zu lösen.

Dann endlich in meinen eigenen vier Wänden angekommen, klemme ich mich gleich hinter das Telefon und fähre ein interessantes Gespräch mit dem Schauspielinternat, welches Helen York bis vor kurzem besuchte.

Gleich danach rufe ich bei der Mordkommission an, wobei ich die Durchwahlnummer von Leutnant Fröhlichs Schreibtisch benutze.

Es klingelt einmal am Ende der Leitung, dann klefft Frohlic auch schon ins Rohr. Ich gebe meiner Stimme einen hohen Fistelton und sage:

``Hallo! Ist da die Polizei?'' ``Natürlcih ist hier die Polizei, Du Scherzbold! Wer hat Dir eigentlich die Nummer von meinem Schreibtisch verraten, Chicago?''

``Das tut, jetzt nichts zur Sache'', flüstere ich geheimnisvoll, ein wenig verwirrt, weil er mich sofort erkannt hat.

`'Ich wollte Dir nur mitteilen, daß Du heute abend, um viertel nach Acht, mit einem Rudel Greifer beim Privathaus von Thomas Wesson vorbeischauen solltest, aber auf keinen Fall eher! Es werden ein paar Pakete abzuholen sein.''

``Moment mal, Chicago. Wer sagt mir denn, daß Du nicht...'' Frohlics Stimme verstummt mit einem Mal, als ich den Hörer auf die Gabel zurücklege.

Ein weiteres Gespräch, läßt Wesson erfahren, daß ich heute abend um zwanzig Uhr bei ihm eintreffen würde, um ihn über mein Fortschreiten im Fall York zu unterrichten. Ich erfahre, daß Helen ebenfalls anwesend sein wird, was mir nur Recht ist, denn dann habe ich ja schon alle zusammen, die ich brauche.

Doch jetzt erscheint es mir angebracht, nach dem vielen Nachdenken in letzter Zeit, ein kleines Nickerchen zu machen. Ich leere also schnell noch eine Dose, dann sind auch schon die Lampen aus.


Gegen neunzehn Uhr weckt mich eine Höllenmaschine von Wecker derart abrupt, daß ich von der Couch falle. Kaum bin ich in meinen Wagen gesprungen, greife ich auch schon unter den Beifahrersitz und fördere eine Flasche meiner flüssigen Nahrung zutage und leere sie in langen Zügen, damit wäre das Abendessen abgeschloßen.

Bevor ich jedoch in die 48te Straße fahre, um dem Geschäftshaus von Glitzerfratze einen kurzen Besuch abzustatten, halte ich noch am Flughafen, wo ich hollywoodmäßig meinen Lappen vorzeige und einige Angestellte auf Trab bringe, dann habe ich auch schon die notwendigen Informationen, die mir noch fehlten.

Das Gebäude, welches das Kadaverbeseitigungsinstitut Wesson & Company beherbergt, betrete ich durch den Lieferanteneingang. Darauf vertrauend, daß Glitzerfratze sich an meinen Termin hält, mache ich mir nicht die Mühe besonders vorsichtig zu sein. Schließlich habe ich eine genaue Zeit vorgegeben, damit ich bei meinem Einbruch die nötige Zeit habe.

Mit der notwendigen Ruhe, durchsuche ich also den Bau, klopfe Wände ab und suche nach verborgenen Türen. Doch das, was mir vorschwebt, kann ich nicht finden. Schließlich stehe ich wieder in dem großen Wohnzimmer mit der ausgedehnten Bar und bin, im Moment wenigstens, ratlos.

Dieser Zustand wird durch ein leises Klicken unterbrochen. Ich fahre herum und sehe in die Mündung von Sandys 7.45er. Seine Gesichtszüge entgleisen, voller Freude mich überlistet zu haben.

``Hat der Chef also tatsächlich Recht gehabt.'' sagt er und nickt mir aufheiternd zu. ``Leider ist Mr. Wesson ein wenig zu schlau für Dich, Schnüffler. Aber ich werde Dir zeigen, daß auch wir ein Herz haben.''

Sein Grinsen wird breiter, als er, mich immer noch in Schach haltend, an einem Barhocker dreht. Gleich darauf verschwindet ein Teil der Wand. Der dahinterliegende Raum ist genau der, den ich die ganze Zeit vergebens gesucht habe.

Sandy bedeutet mir einzutreten. Ein Aufbegehren meinerseits wäre sinnlos, also schweige ich. Ich betrete den Raum, dann schließt sich die Tür.

Meiner unbedeutenden Meinung nach dürfte es keine Minute dauern, bis sie sich wieder öffnet. Denn ich habe gerade einen alten Bekannten im Spiegel hinter der Bar erkannt. Ich zähle langsam bis siebenundvierzig, dann gleitet die Wand auch schon zur Seite. In der Öffnung steht, wie zu erwarten, Maryett Laugham! Sandy hat es sich auf dem Boden gemütlich gemacht und träumt süß vor sich hin.

``Du machst vielleicht Sachen, Chicago. Läßt Dich einfach so von diesem Riesenbaby übertölpeln.''

``Zugegeben, aber da ich wußte, daß Du mich beschattetst, Dein rotes Sportcabrio, war ja auch kaum zu übersehen, habe ich natürlich mit Deinem Auftauchen gerechnet.''

``Nun gut, Superman'', sagt sie in versöhnlichem Ton, ``wie geht es weiter?''

``Zuerst werde ich Dir erklären, warum ich diesen Raum hier'', ich deute mit dem Daumen hinter mich, ``gesucht habe. Wie ich bereits sagte, wo gehobelt wird fallen Späne.''

Ich fahre mit dem Finger die Wand entlang und trete aus dem geheimen Raum heraus auf sie zu und halte ihr den Zeigefinger unter die süße Nase.

Schullehrerhaft frage ich: ``Nun, was siehst Du?''

Sie spielt mit und antwortet gretchenhaft: ``Staub, Herr Lehrer!'' Da klingelt es bei ihr.

``Soll das etwa heißen, daß, als Du dieselbe Übung in Yorks Institut vollzogen hast, keinen Staub am Finger hattest?''

``Staub schon'', gebe ich zu Antwort, ``aber keinen Zementstaub.''

``Dann heißt die Lösung des Rätsels also, wo zementiert wird muß auch der dazugehörige Staub zu finden sein. Und ich bin nicht drauf gekommen.''

``Damit erhältst Du in Kombinatorik eine Eins, setzen.'' fahre ich fort. ``Das läßt aber nur einen Schluß zu, hier wurde zementiert, in Yorks Haus nicht. Logische Schlußfolgerung, das ganze war eine Falle mit falschen Indizien.''

``Apropos Indizien'', sagt sie, ``der Bootsschein ist analysiert worden, und was meinst Du, was die Spezialisten herausgefunden haben?''

``Das der Bootsschein echt, aber die Unterschrift gefälscht ist und zurückdatiert wurde'', sage ich in gleichgültigem Ton. ``War ja auch zu erwarten, warum sollte ein Stück echt sein, wenn alles andere nur Attrappe war?''

``Also, ich glaube ich muß wirklich noch einmal auf die Schulbank'', sagt sie, wobei sie eifrig bemüht ist, den bewundernden Ton aus der Stimme zu streichen.

``Aber eins weißt Du noch nicht'', triumphiert sie, ``Was meinst Du, ist auf einer Ausschnittsvergrößerung des Photos zu sehen?''

``Ägypten?'' versuche ich es.

``Dummer Kerl! Nein, Helen York.''

``Schön'', sage ich und greife mir Sandy. Es wird Zeit zu gehen.

``Was ist denn jetzt schon wieder?'' verzweifelt sie fast.

``Ich habe gleich ein Rendez-vous mit Wesson und Helen und keine Zeit mehr für weitere Erklärungen. Folge mir unauffällig.''

Sie sieht, das ich es ernst meine und unterwirft sich vorläufig meinem Diktat.

Unten im Flur warte ich solange, bis sie das Abschleppseil aus dem Wagen geholt hat, womit ich Sandy zu einem netten Paket verschnüre. Dann darf er im Kofferraum meines Wagens platznehmen.

Als Maryett und ich am Ziel eintreffen, ist es schon fast acht Uhr, mir bleibt noch eine Viertelstunde, den Fall aufzuklären.


Der Butler, ein in Ehren ergrauter Herr, mit Messerkampfnarbe, öffnet. Bevor er noch ein Wort sagen kann, zum Beispiel, daß Glitzerfratze nur eine Person erwarte, schiebe ich ihm auch schon meine Visitenkarte zwischen die Zähne, setze ihm mit einem ``Vielen Dank, aber wir finden uns selbst zurecht!'' meinen Hut auf. Doch der ist ihm eine Nummer zu klein. Also klopfe ich vorsichtig mit der Faust oben auf und passe ihn an. Ohnmächtig und für eine Weile auf Eis gelegt, sinkt er schlaff in Maryetts Arme, so daß ich fast neidisch werde. Derart nahe waren sie und ich ja noch gar nicht, aber ich träume.

``Pass auf, und warte hier bitte'', sage ich.

``Okay, Chicago.'' sagt sie und blinzelt mir aufmunternd zu.

Im ersten Stock betrete ich das Wohnzimmer, welches in den Ausmaßen einem Baseballfeld ähnelt. Alles ist vorhanden, was man sich denken kann. Eine riesige Bar, ausgedehnte Sitzflächen, Kristall en masse und jede Menge Hydrogemüse. In dem gekachelten Kamin, könnte ohne Probleme ein 'Elch am Stiel' gegrillt werden.

In einem der Sitzmöbel entdecke ich Helen und Glitzerfratze bei intensiver Mund-zu-Mund-Beatmung. Ich klopfe also vernehmlich gegen den Holzrahmen der Tür, in der ich stehe und schrecke sie damit auf.

``Die Feuerwehrübung ist beendet! Guten Abend allerseits.'' beginne ich. ``Ihr Butler war so freundlich mir zu zeigen, wo ich mich einfinden sollte.''

``Guten Abend, Mr. Chicago'', schallt es mir in Stereo entgegen. Dann in Mono: ``Darf ich Ihnen einen Drink anbieten? Cola pur war es doch, nicht wahr?''

``Sie ersparen mir die Bitte'' sage ich einschmeichelnd. Dann lasse ich mich auch schon in eines der Sesselungetüme sinken.

Helen eröffnet das Spiel.

``Sind Sie mit ihren Ermittlungen, denn schon so weit vorangekommen, daß diese Zusammenkunft nötig wurde?''

``Doch, das kann man sagen'', erkläre ich gewichtig.

``Darf man erfahren, worauf Sie sich da stützen?'' fragt Glitzerfratze.

``Sie dürfen'', bekommt er zu Antwort. ``Doch zuerst eine Frage, Mrs. York. Besitzt oder besser besaß ihr Mann jemals ein Motorboot?''

``Ein Motorboot?'' wiederholt sie erstaunt. Dem Klang ihrer Worte entnehme ich, daß sie tatsächlich verblüfft ist. ``Aber nein, auf keinen Fall! Wie kommen Sie eigentlich darauf?''

``Nun'', setze ich an, ``Als ich die Geschäftsräume Ihres Mannes einer eingehenden Untersuchung unterzog, fand ich dabei ein kleines, gut getarntes Hinterzimmer, dessen Ausstattung mich davon überzeugte, in ein Wespennest getappt zu sein. Das Equipment wurde eindeutig dazu benutzt, lästigen Zeitgenossen Zementschuhe zu verpassen, um sie dann im Michigansee im wahrsten Sinne des Wortes 'untertauchen' zu lassen. Weiterhin fand ich einen Bootsschein, ausgestellt auf Ihren Mann, Sie werden zugeben, eine merkwürdige Sache.

Helen springt auf und fährt mich zornig an.

``Soll das etwa heißen, Alfred sei ein Verbrecher gewesen? Das ist ja wohl eine unbeschreibliche...'' An dieser Stelle fehlt eine Seite im Drehbuch und sie sucht nach Worten.

``Sauerei!'' suffliere ich ihr.

Auch Glitzerfratze hält es nicht mehr auf seinem Sitz.

``Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen Helen nicht mit der Vergangenheit ihres Mannes belasten!''

Die Partie wird im Stehen weitergespielt, also erhebe auch ich mich und fahre mit meinen Ausführungen fort. Mein Plan ist nicht voll aufgegangen. Ich sehe zwar, daß es in Helens Gesicht arbeitet, aber sie hält sich zurück. Um die Stimmung etwas anzuheizen, ziehe ich das nächste As aus dem Ärmel.

``Warum regen sie sich eigentlich so auf, Helen? Zu Ihrem Freund hatten Sie doch schon zu seinen Lebzeiten nicht das allerbeste Verhältnis, dafür spricht wohl die Liebelei, die Sie mit Mr. Wesson anfingen. Sollte hinter diesem versteckten Raum mehr stecken, als das von mir Vermutete?''

``Ich weiß nicht was Sie meinen könnten, Chicago'', gibt sie giftig zurück.

``Erklären Sie sich und dann verschwinden Sie, Mann!'' sagt Wesson, weil er es für seine Kavalierspflicht hält.

``Also, gut'', fahre ich fort. ``Dem Bootsschein beigefügt, war ein Bild des Motorbootes 'Heavenqueen', das angeblich Ihrem Mann gehörte. Wie kommt es, daß eine Ausschnittsvergrößerung Sie, Helen an Bord des Schiffes zeigt?''

Touche. Sie explodiert förmlich und schleudert Wesson ein `'Du Schwein!'' an den Kopf, der daraufhin sichtlich bemüht ist Haltung zu bewahren. Dennoch schwenkt er jetzt auf der ganzen Linie um. Ein anderer Wesson kommt zum Vorschein.

Er spielt den Verwirrten!

``Aber Liebling'', sagt er, ``wenn Du wirklich auf dem Boot warst, dann hast Du mich am Ende mit dem alten gemeinsame Sache gemacht und mich nur benutzt.''

``Oh, Du gemeiner, hinterhältiger...'', braust Helen auf. Meine Stimme schneidet ihr das Wort ab.

``Genug mit dem Theather, meine Herrschaften! Bemühen Sie sich nicht weiter. Setzen Sie sich und hören mir zu, ich bin noch nicht fertig!''

Obwohl den beiden der Haß ins Gesicht geschrieben steht, befolgen sie meinen bewußt autoritär gehaltenen Ratschlag.

``Sie beide wissen nun, was sie voneinander zu halten haben. Jeder von Ihnen hat versucht den anderen aufs Kreuz zu legen, das Problem, das sie dabei bekommen haben, ist genau 1.85 Meter groß und steht vor Ihnen.''

Ich deute mit dem Finger auf mich.

``Sie, meine liebe Mrs. York, konnten natülich nicht ahnen, als sie mich engagierten, daß ich nicht jener dumme, geldgierige, kleine Privatdetektiv bin, für den Sie mich hielten, und den sie gesucht haben. Sie waren niemals wirklich daran interessiert den Mörder Ihres Mannes zu finden. Warum, werde ich Ihnen gleich erklären'', sage ich in Richtung des verblüfften Wesson.

``Doch zunächst zu Ihnen, Mister. Sie sind Eigner der 'Heavenqueen' und ebenfalls der Besitzer der Zementschuhfabrik, die sie mit Sandy beim alten York aufgebaut haben. Ein wirklich feiner Plan, den sie sich da ausgedacht haben.''

``Was erlauben Sie sich eigentlich?'' begehrt er auf. ``Wer gibt Ihnen das Recht...?''

``Ich mir selbst'', beantworte ich seine Frage. ``Sie haben diese falsche Spur gelegt, um von Ihren eigenen Aktivitäten abzulenken. Sie brauchen gar nicht zu leugnen, Sandy hat vorhin bereits gesungen.''

Wesson starrt auf die Tischplatte, als wolle er jeden Moment hineinbeißen. Doch er behält die Kontrolle.

``In Ihrer Eigenschaft, als V-Mann des FBI standen Sie schon lange in Verdacht selber krumme Geschäfte zu machen, also brauchten sie jemanden, dem sie den Dreck unterschieben konnten. York kam Ihnen da gerade recht und besonders seine Frau, die sofort auf Ihre Glitzerfratze reinfiel, so glaubten sie zumindest. Sie erhielten von Helen Informationen und liessen York dafür keine Schutzgebühren zahlen. Als sie alles beisammen hatten, töteten sie York und bauten mit Sandy die Indizienattrappen ins Spiel ein. Dann riefen Sie Ihren Kontaktmann an und gaben ihm den Tipp sein Verein solle doch mal beim alten York vorbeischauen, in der Hoffnung die Attrappen würden gefunden und der Verdacht fiele auf York.''

``Nicht schlecht, Chicago, nicht schlecht'', unterbricht Wesson meinen Vortrag. Sein Gesicht zeigt trotz der verfahrenen Lage einen Hoffnungsschimmer.

``Aber wie soll ich den alten York umgebracht haben? Für die Tatzeit habe ich ein hieb- und stichfestes Alibi. Ich war nämlich Gast in einer Talkshow, die zur gleichen Zeit live im Fernsehen übertragen wurde.''

Sein Zahnpastalächeln geht mir wahnsinnig auf den Zeiger.

``Das habe ich zwar nicht gewußt'', gebe ich zu. Doch das ist für den Mord auch nicht von Interesse. Wo waren Sie, während der Tatzeit, Mrs. York?'' wende ich mich Helen zu.

Ihr Gesicht ist zu einer Maske verkniffen. Haß und Wut fördern ihr wahres ich zutage. Sie bleibt stumm.

``Nun, ich werde Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Haben sie eigentlich Ihren Gibs noch?''

Das ist zuviel. Sie erkennt, daß ich es weiß, daß ich Herr der Lage bin und das verträgt sie nicht. Zuviel ist in dieser kurzen Zeit auf sie eingestürmt, die Enttäuschung von Wesson, meine scheinbare Allwissenheit. Wenn sie gewußt hätte, daß alles nur waghalsige Kombinationen mit einem Schuß Bluff gewesen ist, würde sie sicher nicht so handeln, doch es kommt, was ich vermutet habe.

Sie springt auf, ihre Handkante zuckt vor und trifft Wesson in Schläfenhöhe. Bevor sie weiteres Unheil anrichten kann, bin ich heran. Doch ich glaube mich zu sicher, versuche sie in den Schwitzkasten zu nehmen, doch sie knallt mir die Ellebogen in die Nieren und läßt mich abtropfen, wie einen nassen Sack.

`Au, warte!' schießt es mir durch den Kopf. Ich springe auf und hechte nach Ihren Beinen, doch bevor ich zugreifen kann, springt sie hoch und ich knalle der Länge nach auf den Boden. Sie landet auf meinem Rücken. Ihre Absätze drücken mir ein oder zwei Rippen ein. Zum Glück ist sie nicht auf meiner Wirbelsäule gelandet. In meiner Wut, gelingt es mir mich zu erheben und zur Tür zu wanken. Unten fällt ein Schuß.

Ich schleppe mich zur Tür und sehe Maryett mit qualmendem Revolver vor Helen stehen, die sich das Loch in ihrem rechten Oberschenkel zuhält.

``Paß auf!'', rufe ich ihr zu. ``Die ist schlimmer als eine Kobra.''

``Keine Sorge, Chicago,'' erwidert sie lächelnd. ``Auf Blei kauen selbst Kobras eine ganze Weile.''

Ich schüttle lachend, wenn auch ein wenig schmerzverzerrt den Kopf. Ein paar Sirenen ertönen und verkünden die Ankunft der Kavalerie. Nur wenige Minuten später fällt Frohlics Plattfüßerrudel am Ort des Geschehens ein. Es herrscht geordnetes Chaos, als der ohnmächtige Wesson, sein Butler und die Kobra in Stahlarmbändern abgeführt werden.


``Was ich immer noch nicht kapiere ist, wie Du wissen konntest, daß Helen York ihren mann selbst umgebracht hat.'' Frohlic sieht mich unentschieden dann.

``Na, gut'', lasse ich mich gnädig herab, ``jetzt noch einmal für die Landbevölkerung zum Mitschreiben.''

Bevor ich diese Diffamierung fallen lasse, habe ich mich natüprlich außerhalb Frohlics Beinweite gebracht, der sich auch gleich mit einem ``Was soll das denn heißen?'' seine nicht vorhandene Autorität rauskehrt und sich kriegerisch umblickt.

``Nichts, nichts'', beschwichtige ich ihn. ``Wie du weißt, habe ich bei der Schauspielschule angerufen, an der Helen Unterrricht erhielt. Nun, die Leiterin erlaubte mir ein paar Fragen und ich erfuhr daß Helen zwei Tage bevor der alte York ermordet wurde, einen Sportunfall hatte, sie brach sich den Fuß beim Karatetraining. Darufhin meldete sie sich krank, um zur Genesung für ein paar Tage nach Hause zu fahren.''

``Ich wußte gar nicht, das Schauspieler in fernöstlichen Kampfsportarten ausgebildet werden'', wirft Frohlic ein.

``Werden sie auch nicht'', beantwortet Maryett an meiner Stelle. ``Aber es wird gern gesehen, wenn die ausyzubildenden Schauspieler die unterschiedlichsten sportlichen Disziplinen beherrschen. Helen York beschränkte sich hierbei auf Marshall Arts, wie Karate, wie Chicago über die Leiterin der Schule herausfand.''

``Genau,'' sage ich und fahre fort. ``Als ich das erfahren hatte, wußte ich, das Helen zur Tatzeit in Chicago gewesen ist. Das Tatmotiv war offensichtlich. Natürlich das Geld des alten York, and das er, wie wir inzwischen wissen, durch illegale Schmugglergeschäfte gelangte. Nur fragte ich mich, wie wurde Alfred York erledigt? Wie hat es Helen geschafft, die Kopf in die Schlinge zu bekommen? Diese Frage spukte mir eine ganze Weile im Kopf herum, genauso wie die Frage, warum sie mich engagiert hat, obwohl sie ihn doch selbst umgebracht hat? Nun, letzteres war ja ziemlich einfach zu beantworten, nachdem ich die freundliche Begegnung mit Glitzerfratze gemacht hatte.

Sie hoffte, daß ich durch meine Nachforschungen, die Polizei auf die Aktivitäten von ihrem Ex-Geliebten aufmerksam machen würde, um ihn loszuwerden.

Auf das andere kam ich erst später. Man darf den Mord nicht als Gesammtes sehen, hier liegt der Hund nämlich begraben. Der Mord war eben nicht wie folgt geschehen: Kopf in die Schlinge und dann an dem Balken hochziehen, wozu zweifellos eine ganze Menge Kraft vonnöten ist, so daß praktisch jede Frau von vorn herein als Täter ausscheidet. Da aber der Körper des Toten außer dem Genickbruch und den Würgemalen am Hals keinerlei Verletzungen aufwies, zum Beispiel durch Bewußtlosschlagen, mußte der Genickbruch eben vor dem Aufknüpfen verursacht worden sein! Und schon wendet sich das Bild. Was vorher unmöglich schien ist jetzt ganz einfach.

Helen, der ich die erste Methode trotz allem nicht zutraue, konnte ihrem Ex zunächst mit einem gezielten Handkantenschlag das Genick gebrochen haben und dann einen Selbstmord vortäuschen.''

``Selbstmord...?'' fährt Frohlic mich an. ``Und der flüchtende Täter?''

``War niemand anders als Sandy, der sich wahnsinnig erschreckte, als er, nachdem er die Indizienattrappe aufgebaut hatte, aufeinmal vor dem hängenden York stand.''

``Verständlichicherweise'', nickt Maryett mir zu.

``Okay'', sagt Frohlic und grinst spitzbübisch.

``Helen hatte ein Tatmotiv und die Gelegenheit, trotzdem muß sie es nicht gewesen sein. Warum aber war es nicht Sandy?''

``Nein.'' erwiedere ich bestimmt.

``Wesson, und damit Sandy fallen von vornherein flach.'' führt Maryett weiter aus. ``Wesson stand als unser V-Mann schon lange unter Verdacht und wußte davon. Er war darauf bedacht alles auf den Schmuggler Alfred York abzuwälzen. York mußte also wenigstens noch solange leben, bis sich unser Verdacht gegen ihn erhärtet hätte. Erst dann konnte Wesson daran denken ihn umlegen zu lassen.''

``York ist also für Wesson zu früh gestorben'', schließt Frohlic messerscharf.

``Richtig.'' bestätige ich ihn.

``Fabelhaft, einfach fabelhaft, mein lieber Chicago. Ich werde Ihre Mitarbeit in meinem Bericht lobend erwähnen'', meint Frohlic gönnerhaft lächelnd, erhebt sich und führt Maryett und mich zur Tür.

``Macht's gut'', sagt er strahlend.

Auch wir verabschieden uns mit freundlichem Lächeln. Die Tür fällt hinter uns ins Schloß. Frohlics Zusatz ``Aber nicht zu oft'', den er sich in den Bart brabbelt hören wir beide nicht mehr.


Draußen empfängt uns die Atmosphäre einer lauen Sommernacht. Ein sanfter Wind weht Chicagos Straßen herunter, die Welle des Verkehrslärms ist zu dieser Zeit zu einer sanften Woge verebbt. Wir besteigen ihren Wagen.

``Glaubst Du, daß er alles verstanden hat?'' lenkt Maryett ab.

``Wenn er sich Mühe gibt, glaube ich schon'', antworte ich.

``Maryett...?'' Ich sehe sie an. Wenn nur diese Augen nicht wären.

``Du weißt was ich Dich fragen will, nicht wahr?'' frage ich.

``Ja, aber, laß es uns vergessen, Chicago.''

``Okay'', sage ich und grinse unsicher. Ich beuge mich zu ihr hinüber und küsse Sie zärtlich auf die Wange. Dann steige ich aus und winke ihr nach, bis ich die Rücklichter nicht mehr erkennen kann.

E N D E


Lesefutter

Manzoni, C.: 1978, Der Finger im Revolverlauf, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Spacco Il Muso, Bimba.

Manzoni, C.: 1980, Das MG im Dekolleté, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Con Un Bacio Ti Brucio.

Manzoni, C.: 1981a, Einen Schlag auf den Schädel, und du bist eine Schönheit, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Un ColpoIn Testa, E Sei Più Bella, Angelo.

Manzoni, C.: 1981b, Kein Whiskey unter Wasser, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Faccio Un Occhio Nero E Un Occhio Blu.

Manzoni, C.: 1982, Jetzt regnet's Ohrfeigen, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Che Pioggia Di Sberle, Bambola.

Manzoni, C.: 1983a, Blut ist kein Nagellack, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Io, Quella La Faccio a Fette.

Manzoni, C.: 1983b, Der tiefgekühlte Mittelstürmer, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Un Calcio Di Rigor Sul Tuo Bel Muso.

Manzoni, C.: 1984, Der Hund trug keine Socken, Heyne, München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Svito Le Tonsille, Piccola!.

Manzoni, C.: 1990, Haust du mich - hau ich dich, Ullstein, Frankfurt/Main. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Ti Faccio Un Occhio Nero E Un Occhio Blu. Also muß sich entweder der Heyne Verlag verdruckt haben, oder Ullstein, denn angeblich hieß auch das Original von ``Kein Whiskey unter Wasser'' genauso und die Bücher sind wirklich völlig unterschiedlich!




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Montag, 1. Juni 2009

Wahwah-8 (1981)

Die folgende Story entstand nach einem intensiven Gespräch mit einer Vogelliebhaberin; was auch immer das bedeuten mag...

Eigentlich durfte es dieses Ding ja gar nicht geben, dachte Wahwah-8 bei sich. Doch gerade eben als er seine alltägliche Kontrollrunde beendete, war dieses Ei aus dem Himmel gefallen und schwebte nun, keine 6 Schläge von ihm entfernt etwa in Sehhöhe.

Wahwah-8 war nun sicher kein Feigling, für gewöhnlich vertrieb er Feinde mit wenigen Hieben aus der Kolonie, aber was sollte er jetzt tun? Angreifen? Hätte das überhaupt Sinn?

Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen und entschloß sich erst einmal abzuwarten. Sehr groß war es ja zum Glück nicht, eher klein, nein, etwa halb so groß wie ein ausgewachsener Fütterer.

Aber Wahwah-8 ließ den Mut nicht sinken, sondern betrachtet das Ei etwas genauer. Warum es nur von Innen heraus so leuchtete? Doch plötzlich verschwand das Leuchten, und ein schwarzer Spalt erschien auf der ansonsten glatt polierten Oberfläche. Er vergrößerte sich zusehends.

Aus dem Dunkel der Öffnung, in die sich der Spalt verwandelt hatte, trat, Wahwah traf beinahe der Schlag, ein Wesen das glatt sein Bruder hätte sein können, wäre da nur nicht dieses merkwürdige zweite Kleid gewesen, das sein Gegenüber von Hals bis Fuß einhüllte, und nur den Kopf freiließ. Das Licht der untergehenden Sonne brach sich reflektierend in diesem merkürdigen Ding. Es schillerte in allen Regenbogenfarben.

Langsam schwebte der Fremde aus der Öffnung herab, auf Wahwah zu, wobei er mit dem Kopf die Geste der Unterlegenheit und Freundschaft bedeutete. Wahwah-8 zitterte am ganzen Körper; und das war ihm noch nie passiert! Aber jetzt ließ es sich kaum vermeiden. Sein Verstand sagte ihm, daß es nun an der Zeit wäre zu verschwinden. Doch Wahwah kämpfte tapfer gegen dieses Gefühl an.

Angst! Zum ersten mal in seinem Leben erfuhr er was dieser Begriff zu bedeuten hatte. Oh, natürlich war es keine persönliche Angst; schließlich war er gewohnt zu kämpfen, aber die anderen! Der Rest der Kolonie äre diesem Feind wohl hoffnungslos ausgeliefert, wenn er versagte. Er dachte an sein Frau, seine Kinder, Freund und Bekannte, und riß sich zusammen.

`Nur Mut!' sagte er mehr zu sich selbst, dann griff er den Fremden an. Den Kopf weit von sich gestreckt haltend und wild mit den Flügeln schlagend rannte Wahwah auf den Gegner los.

Er rannte und rannte, doch der Feind kam gar nicht näher!? Wahwah schien buchstäblich auf der Stelle festzukleben. Als er in der nun aufkommenden Verzweiflung an sich herabblickte, entdeckte er ein leuchtend rotes Schemen, welches seine Füße einhüllte, und ihn offensichtlich festhielt.

Das war selbst für Wahwah zuviel! Laut und voller Verzeiflung schrie er um Hilfe. Da wurde der fremde Eindringling plötzlich sehr geschäftig. Er holte eine kleinen Kasten hervor und hielt ihn in Richtung Wahwahs.

Dieser glaubte nun endgültig sterben zu müssen und schrie sich fast die Seele aus dem Leib. Nur erschien einfach niemand um ihm zu helfen. Woran das lag, erfuhr er nun endlich von dem Fremden, der merkwürdige Laute ausstieß und dabei immer wieder auf Wahwah deutete. Bis dann plötzlich das folgenden aus dem komischen Kasten drang, den der andere in der Schwinge hielt.

``Entschuldige bitte, das ich Dich so erschreckt habe! Aber ich mußte Dich einfach dazu bringen ein paar Laute zu äußern, sonst hätte es der Interpreter nicht geschafft meine in Deine Sprache zu übersetzten. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Mein Name ist Quack.02, ich bin ein Entonier und komme mit meinem Raumschiff,'' er deutete mit der anderen Schwinge hinter sich, ``dem Ei dort drüben, direkt von meinem Heimatplaneten Urnest hierher.''

``Ach, ja. Deine Freunde konnten Dich vorhin nicht hören, weil ich mich genötigt sah einen Schallkompens'O-matic Schirm um uns herum zu legen, denn ich wollte schließlich erst einmal nur allein mit Dir Kontakt aufnehmen.'' erklärte Quack.02.

Wahwah-8 glaubte zu träumen. Interpreter?, Raumschiff?, Entonier?, Schallkompens'O-matic Schirm? Das hier schien nun ein ganz besonders heimtückischer Albtraum zu sein! Und dabei hatte er sich doch dieses Jahr echt zusammengerißen und hatte nicht wieder zuviele Teichgrasblüten gekaut, was erstens von den Alten verboten worden war. Und zweitens halluzinogene Erscheinungen verursachte, was allseits bekannt war. Wurden Wächter wie Wahwah in diesem Zustand auf Posten erwischt, war der Ausstoß aus der Kolonie vorprogrammiert. Doch soweit wollte er es nicht kommen lassen. Die anderen würden ihn sowieso nur auslachen, wenn er ihnen hiervon erzählen sollte.

`Nun, gut' dachte Wahwah bei sich. Schließlich war er bisher aus all seinen Träumen als Sieger hervorgegangen, also beschloß er das Spiel zunachst einmal mitzuspielen. `Mal sehen, was mir meine Phantasie sonst noch zu bieten hat.'

``Guten Abend, Quack,'' begann er höflich, ``mein Name ist Wahwah-8, ich wohne hier und bin Wächter unserer Kolonie! Angenehme Wassertemperatur heute!'' Etwas forscher fuhr er fort: ``Ich muß übrigens darauf bestehen sofort losgelassen zu werden!'' `Damit ich Dich endlich verjagen und diesen merkwürdigen Traum verlassen kann,' fügte er in Gedanken hinzu.

Augenblicklich verschwand das Rote von seinen Füßen und wieder versuchte Wahwah den Fremden anzugreifen. Er kam jedoch nur eine halbe Füßbreite weit, dann hielt ihn das rote Schemen erneut fest.

``Hmmm,'' machte Quack.02 nachdenklich, ``anscheinend haben die sich bei der Berechnung Eures Intelligenzquotienten ganz schön verhauen. Oder ich habe ein besonders blödes Exemplar erwischt. Aber wollen wir einmal darüber hinwegsehen, und annehmen, das die Jungs von der Galaktischen Entwicklungshilfe GmbH wider einmal ein paar falsche Parameter in ihre Computer gesteckt haben. Sei's drum, schließlich bin ich ohnehin hier, um Eure Intelligenz zu fördern. Fangen wir also gleich damit an.''

Quack.02 verschwand kurz im Ei und tauchte diesmal ohne das zweite Kleid wieder auf, dafür aber mit einem länglichen Stock in der Schwinge bewaffnet, an dessen Ende ein blinkende Halbkugel bedrohlich funkelte. Diese näherte sich nun Wahwahs Kopf, und stülpte sich darüber. Wahwah bemühte sich vergeblich den Kopf wegzuziehen, aber das Rote Zeug hüllte ihn inzwischen ganz ein und so war er komplett bewegungsunfähig.

Mit einem Mal schien Wahwahs Kopf zu explodieren, als der Fremde auf einen kleinen Knopf am Ende des Stocks drückte. Es schmerzte fürchterlich! Eine Welle von bisher unbekannten Emotionen schien über ihn hinweg zu rasen und verdeckte kurz die vielen, grellen Lichterscheinungen, die vor seinen Augen Ringelrein tanzten. Wahwahs Intellekt vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde. Er sah Quack.02 an, das Ei, dann rief er sich die Worte in Erinnerung, welche so unverständlich geklungen hatten und--er begriff! Es war doch alles so einfach!

Vor ihm stand offensichtlich ein galaktischer Entwicklungshelfer, der der Galaktischen Entwicklungshilfe GmbH (GEG) angehörte, die irgendwo auf dem Planeten Urnest eine Niederlassung besaß. Von dort war Quack.02 in die Randregionen der Galaxis geschickt worden, wo er unseren Planeten untersuchen sollte. Dieser hatte nämlich deshalb das Interesse der GEG auf sich gezogen, weil hier die Evolution wirre Wege gegangen war, wie man auf eingigen Kartierflügen festgestellt hatte. Statt er Gattung Wahwahs und Quacks waren andere von der Natur mit Intelligenz versehen worden.

Dennoch war man sich in den oberen Gremien der GEG fast einstimmig einig darüber, daß die Avenoiden dieses Planeten nicht völlig ohne Denkvermögen weggekommen sein konnten, also hatte man die Computer angeworfen und eine Weile rechnen lassen. Die Ergebnisse waren ermutigend, und so wurde Quack.02 losgeschickt, auf einen Planeten, bei dem sich die Natur herabgelassen hatte auch einmal anderen eine Chance zu geben, aus ihrer Intelligenz etwas zu machen.

Kurzum, die Laune von Mutter Natur hatte sich inzischen gegen sie selbst gewendet. Diese Wesen wußten einfach nicht was sie mit dem Geschenk anfangen sollten. Statt sich, wie alle anderen Bewohner dieser Galaxis, in den Weltraum zu orientieren, blieben sie auf der planetaren Stufe stehen und nutzten nun ihr Denkvermögen einzig dazu, die Natur (die sie doch derart bevorzugt hatte) zu zerstören, sich auf möglichst viele verschiedene Arten und Weisen gegenseitig umzubringn, und zum kollektiven, planetaren Selbstmord aufzurüsten. Hier sollte nun die Korrektur der GEG ansetzen, indem der Fehler zugunsten der Avenoiden ausgebügelt werden sollte.

Dies alles erkannte Wahwah plötzlich in kristallener Klarheit. Er wußte das damit nur die Fütterer gemeint sein konnten, die auch die Landschaft geschaffen hatten, in der nun die Kolonie Quartier bezogen hatte. All dies erkannte er nun. Er sah...Doch er sah den Stein zu spät den einer der beiden Fütterer geworfen hatte, die sich im Schutz der Dunkelheit angeschlichen hatten, um die Nester zu plündern. Der Stein traf Quack.02 am Hinterkopf, und zerschmetterte ihn, worauf er sofort tot zusammenbrach. Die Halbkugel rutschte von Wahwahs Kopf, und er kam frei, denn auch das Rote war plötzlich verschwunden. Halb wahnsinning vor Angst, vergaß er alles, was er eben erst gelernt hatte, und stürzte, wild mit den Flügeln schlagend Hals über Kopf davon. Gegen die Fütterer konnte man ohnehin nichts ausrichten, also warnte Wahwah die anderen nur mit seinen Schreien; und suchte schleunigst selbst das Weite.

Noch während Wahwah Hals über Kopf davonstob, sagte der eine Fütterer zum anderen: ``Ey, Du wolltest sie doch nur erschrecken! Jetzt hast Du gleich eine getötet!''

``Schrei mich nicht so an, Mann!'' erwiderte der Werfer. ``das war doch bloß 'ne Ente!''

Dann vergingen die beiden im automatischen Abwehrfeuer von Quacks Raumschiff, dessen Autopilot natürlich auf derartig tragische Vorkommnisse programmiert war; das Schiff hob den Leichnam Quacks auf, und verschwand mit flammenden Triebwerken im Nachthimmel.

E N D E



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